Graf Szápáry an Grafen Berchtold(1)
Telegramm Nr. 157 Aufg. 8 Uhr 25 M. p.m. Chiffre
Im Verfolge meines heutigen Telegrammes Nr. 156(2)
. Der Minister empfing mich mit den
Worten, er wisse, was mich zu ihm führe, und er müsse mir gleich erklären, er würde zu meiner
Demarche keine Stellung nehmen. Ich begann mit der Verlesung meines Auftrages. Der Minister
unterbrach mich das erste Mal bei der Erwähnung der Serie von Attentaten und fragte auf meine
Aufklärungen, ob denn erwiesen sei, daß diese alle in Belgrad ihren Ursprung hätten? Ich betonte,
daß sie Ausfluß der serbischen Aufwiegelung seien. Im weiteren Verlaufe der Verlesung äußerte
er, er wisse, worum es sich handle: wir wollten Serbien den Krieg machen, und dies solle der
Vorwand sein. Ich replizierte scharf, daß unsere Haltung in den letzten Jahren ein hinreichender
Beweis sei, daß wir Serbien gegenüber Vorwände weder suchen noch brauchen. Die geforderten
solennen Enunziationen riefen merkwürdigerweise nicht den Widerspruch des Ministers hervor; er
versuchte nur immer wieder zu behaupten, daß Pasic sich bereits in dem Sinne ausgesprochen
habe, was ich richtigstellte. »Il dira cela 25 fois si vous voulez!« sagte er. Bei der Erwähnung der
Publikationen meinte er nur, ob dies auf Gegenseitigkeit beruhen werde! Ich sagte ihm, niemand
wende sich bei uns gegen Serbiens Integrität oder Dynastie. Am lebhaftesten erklärte sich
merkwürdigerweise Herr Sazonow gegen die Auflösung der »Narodna odbrana«, die Serbien
niemals vornehmen werde. Weiteren Widerspruch von Seite des Ministers löste die Beteiligung
von k. u. k. Funktionären an der Unterdrückung der subversiven Bewegung aus. Serbien werde
also daheim nicht mehr der Herr sein! »Sie werden dann immer wieder intervenieren wollen, und
welches Leben werden Sie da Europa bereiten!« Ich erwiderte, es werde, wenn Serbien guten
Willen hat, ein ruhigeres sein als bisher.
Beilage mit den Ergebnissen der Untersuchung trachtete Herr Sazonow zu zerpflücken
und die Richtigkeit der angeführten Resultate in Zweifel zu ziehen. Warum habe man die Serben
nicht zu Wort kommen lassen, und wozu die Ultimatum-Form? Serbien könne vielleicht die
Unrichtigkeit der Anklagen beweisen? Ich machte die entsprechenden Einwendungen.
Den an die Mitteilung der Note angeführten Kommentar härte der Minister ziemlich ruhig
an; bei dem Passus, daß wir uns in unseren Gefühlen mit jenen aller zivilisierten Nationen eins
wissen, meinte er, dies sei ein Irrtum. Mit allem mir zu Gebote stehenden Nachdruck verwies ich
darauf, wie traurig es wäre, wenn wir in dieser Frage, bei der alles im Spiele sei was wir Heiligstes
hätten un l. was immer der Minister sagen wolle, auch in Rußland heilig sei, in Rußland kein
Verständnis fänden. Der Minister suchte die monarchische Seite der Angelegenheit zu verkleinern:
»I'idée monarchique n'a rien à faire avec cela«.
Fortsetzung folgt.
1. Vgl. die Fassung im Österreichisch-ungarischen Rotbuch, Nr. 14.
2. Siehe II, Nr. 16.
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Last Updated: June 17, 1997.